Wie ein Klimawandel das Ende der Bronzezeit einleitete

Nachbildung mykenischer Schwerter und Becher. © Ruth van Mierlo. CC BY 2.5.

Rund fünfhundert Jahre lang florierte in der antiken Mittelmeerregion eine globale, eng miteinander vernetzte Welt. Dazu gehörten die minoischen und mykenischen Griechen, Zypern, die Hethiter, angesiedelt in der heutigen Türkei, die Mittani im heutigen Syrien, die Kanaaniter, die Assyrer, die Babylonier und die Ägypter. Um das Jahr 1177 vor Chr. kam es dann binnen kurzer Zeit zum Untergang dieses komplexen zivilisatorischen Gefüges und es folgten Jahrhunderte eines dunklen Zeitalters, aus dem keinerlei schriftliche Aufzeichnungen erhalten blieben. Doch wie kam es zu einem so raschen Untergang dieser Hochkulturen?

Die Bronzezeit war eine kriegerische Zeit, in der vor allem Waffen, Rüstungen und Teile von Streitwägen aus Bronze hergestellt wurden, aber auch Trinkgefäße. Damals fertigten etwa in Mykene die hoch angesehen Schmiede aus 90% Kupfer und 10% Zinn ein Metall, dass wesentlich härter als reines Kupfer war. Zu Beginn der Bronzezeit mischten sie in Ermangelung von Zinn zunächst Arsen bei, was allerdings toxisch ist. Da die meisten Länder nicht über Kupfer und Zinnvorkommen verfügten, um Bronze herzustellen entwickelte sich in dieser Zeit ein reger Handel mit anderen Ländern. So besaß etwa Zypern reiche Kupfervorkommen, was sich auch in seinem Namen widerspiegelt. Zinn kam teils aus der Südtürkei. Der Hauptanteil stammte jedoch aus Afghanistan in der Region Badachschan.

Brief auf einer Tontafel in Keilschrift aus Tell Amarna. Er ist in Akkadisch geschrieben, einer semitischen Sprache, die stark vom Sumerischen beeinflusst war. © public domain.

Ein auf eine Tontafel geschriebener Brief aus Mari in Syrien berichtet über die damaligen Handelsrouten: Zinn wurde von Afghanistan nach Urgarit, an der syrischen Mittelmeerküste und von dort nach Kreta gebracht, wo es die Schmiede kunstvoll verarbeiteten. Aufgrund dieser Arbeitsteilung war die gesamte Region auf ein reibungsloses Funktionieren der über Tausende Kilometer reichenden Handelsverbindung angewiesen. Zinn hatte für die damalige Welt eine ähnliche Bedeutung, wie Öl für unsere Zeit. Auf dem Rückweg von Kreta wurden Güter transportiert, wie ein anderer Brief aus Mari erwähnt: Vasen, Ledersandalen und goldene Waffen mit Griffen aus Lapislazuli. In einem weiteren Briefe ist sogar die Rede davon, dass ein Mitglied des Hofes von König Hamurapi in Babylon ein Paar kretische Schuhe zurück geben wollte, die ihm offenbar nicht gefielen. Der Codex Hamurapi, der aus dem 18. Jahrhundert v. Chr stammt enthält zwar viele verschiedene Gesetzesregelungen, wie etwa das berühmte „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: Im Original lautet der Text wie folgt:

„Gesetzt, ein Mann hat das Auge eines Freigeborenen zerstört, so wird man sein Auge zerstören. Gesetzt, er hat einem anderen einen Knochen zerbrochen, so wird man seinen Knochen zerbrechen. Gesetzt, ein Mann hat einem anderen ihm gleichstellenden Manne einen Zahn ausgeschlagen, so wird man ihm einen Zahn ausschlagen.“

Doch eine Regelung zum Umtausch von Schuhen ist uns nicht überliefert.

Die verschiedenen Hochkulturen waren also intensiv miteinander verflochten. Die kleinen Eliten der Herrscherfamilien arrangierten, ähnlich wie im mittelalterlichen Europa, die Hochzeiten ihrer Kinder so untereinander, dass sich wünschenswerte Loyalitäten ergaben. Doch was würde geschehen, wenn in dieses Geflecht komplexer Beziehungen und Abhängigkeiten etwas Chaos hinein geräte? Dann fielen alle diese Staaten, wie Dominosteine um und am Schluss wäre nur noch Ägypten übrig. Doch was brachte alle die Staaten zu Fall? Waren es die Seevölker, die zu dieser Zeit die Bühne der Geschichte erstürmten? Und wenn ja, wer waren sie eigentlich?

Seeschlacht im Nildelta zwischen den Seevölkern und den Streitkräften Ramses III.,Umzeichnung Wandrelief im Tempel von Medinet-Habu/Theben. © gemeinfrei.

Um 1177 v. Chr. berichtet der Pharao Ramses III von zwei Schlachten gegen die Seevölker: eine der Schlachten erfolgte zu Lande in Djahy im heutigen Südlibanon und bei der zweiten handelt es sich um eine Seeschlacht im Nildelta. Unter der persönlichen Leitung des Pharao gelang es den Ägyptern die Eindringlinge zu schlagen. Ramses ließ dieses Ereignis in seinem Totentempel in Medinet Habu verewigen:

„Ich, Ramses III schütze Ägypten, indem ich die Seevölker abwehre. Die Fremdländer verließen ihre Inseln. Im Kampfgewühl wurden die Länder auf einen Schlag verloren und zerstreut. Kein Land hielt ihren Armen stand: die Länder von Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, bis Alasia waren vernichtet.
Es wurde ein Lager aufgeschlagen an einem Ort im Inneren von Amurru. Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als sei es nie gewesen. Die Flammen zogen ihnen voraus nach Ägypten. Die Peleset, Tjekker, Shekelesh, Denyen und Waschascha, verbündete Länder, legten ihre Hände auf alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und vertrauensvoll: „Unsere Pläne gelingen.“

Zwar siegten die Truppen von Ramses. Doch nach diesen Schlachten war auch das einst so mächtige Ägypten am Ende seiner Kräfte.

Der rasche Untergang der Hochkulturen in der späten Bronzezeit beschäftigt die Historiker und Archäologen schon seit langem. Bisher gab man vor allem den Seevölkern die Schuld am Ende dieser frühen Kulturen. Doch wer waren die Seevölker und warum fielen die Kulturen der Mykener, Hethiter, Mittanides Neuen Reiches von Ägypten und der Assyrer beim Ansturm der Seevölker wie Dominosteine in sich zusammen? Der Archäologe Eric Cline von der George Washington Universität in den USA hat diese Frage in seinem Buch „1177 v. Chr.: der erste Untergang der Zivilisationen“ zu beantworten versucht.

Keramik der Philister. © Peter Hagyo-Kovacs. CC BY-SA 3.0.

Ramses III listet in seinem Totentempel mehrere Völker auf, die damals gegen Ägypten kämpften. Die Shardana könnten laut Eric Cline Sarden gewesen sein. Die Shekelesh Sizilianer, die Tjekker ordnet er der Troas oder wiederum Sizilien zu, bei den Denyen könnte es sich um Danaer, also Griechen handeln und bei den Waschascha um die Wilusa, die mit Troja gleichgesetzt wurden. Doch diese Zuordnungen sind unter den Forscher noch sehr umstritten. Nur eine Volksgruppe lässt sich eindeutig zuordnen: Und zwar die Peleset. Bei ihnen handelt es sich wohl um die Philister, die schon in der Bibel erwähnt werden. Klar ist auch, dass sich zu dieser Zeit die Philister und andere Gruppen der Seevölker in der Regionen des heutigen Libanon, Syrien und Israels niederließen. In Siedlungen der Philister fanden Archäologen Töpferwaren, die einen mykenischen Stil aufwiesen und aus Ton von Zypern oder Rhodos hergestellt worden waren. Inzwischen sind sich die meisten Forscher einig, dass die Philister vermutlich aus dem ägäischen Mykene stammten. In einer Inschrift, die beschreibt wie sich Ramses III bei seinem Tod vor den Göttern für das rechtfertigen muss, was er in seinem Leben getan hat, gibt er zu, dass er den Seevölkern nach der Schlacht im Nildelta erlaubte, sich in Kanaan niederzulassen. Er gewann sie als Verbündete zur Sicherung der Ägyptischen Nordgrenze, indem er sie während seiner weiteren Amtszeit mit allem Lebensnotwendigen versorgte. So kommt denn auch der Name Palästina von den Philistern.

Doch die Seevölker waren nicht nur plündernde Seeräuber. Wie Ramses sie darstellte kamen sie mit ihren gesamten Familien zu Wasser und auch zu Lande. Es war mehr ein Auszug, wie bei einer Völkerwanderung, mit Ochsenkarren auf denen die Menschen ihr gesamtes Hab und Gut mitführten.

Bisher glaubte man, eine Dürre habe die Seevölker dazu gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Die Raubzüge dieser hungrigen Menschen hätten zu einem Zusammenbrechen der Handelswege geführt, was das fragile System der eng miteinander vernetzten Kulturen kollabieren ließ. Doch diese Theorie ist etwas zu einfach. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Seevölker nicht nur Auslöser, sondern auch Opfer eines komplexeren Geschehens waren.

Die Tatsache, dass diese Hochkulturen bereits 500 Jahre lang existierten und miteinander eng vernetzt waren beweist, dass sie durchaus dazu in der Lage waren einzeln auftretende Dürren, Hungersnöte, Überfälle durch Invasoren oder Erdbeben zu überleben. Kritisch wurde es vermutlich erst, als all diese Ereignisse zusammen kamen. Und dafür gibt es Hinweise.

Anhand von Pollen aus Seen und Lagunen nahe der in Syrien liegenden Grabungsstätte Telĺ Tweini konnte ein Forscherteam um Kaniewski nachweisen, dass das Klima trockener wurde. Und zwar vom frühen 12. bis 9. Jahrhundert v. Chr.. Tell Tweini lag damals an der Südgrenze des ugaritischen Königreiches. Zu einem noch drastischerem Ergebnisse kam die selbe Forschergruppe bei einer Pollenanalyse auf Zypern, in Halan Sultan Tekke. Von 1200 bis 850 v. Chr. gingen der Niederschlag und das Grundwasser so stark zurück, dass beides eine nachhaltige Landwirtschaft wohl unmöglich machte. Eine andere Metastudie von Drake für die Ägäis ergab, dass es damals zu einer Abkühlung der Meeresoberfläche im östlichen Mittelmeer kam. Was wiederum weniger Niederschläge mit sich brachte und vermutlich zwischen 1250 und 1197 v. Chr. zu einer Dürre in der Region führte. Langgut, Finkelstein und Litt fanden am See Genezareth und dem Toten Meer Anzeichen dafür, dass es auch dort eine Dürre gab. Sie dauerte von 1250 bis 1100 v. Chr.. Es gab also vermutlich in der gesamten Region um den Fall der Hochkulturen herum ein längere Dürreperiode.

Dürren führen meist zu Hungersnöten. Doch sie lassen sich archäologisch nicht so leicht nachweisen, wenn man keine Massengräber findet. Zum Glück für die Archäologen verfügten die damaligen Kulturen jedoch über eifrige Schreiber, die das Zeitgeschehen auf ihren Tontäfelchen festhielten. So berichtet etwa ein ugaritischer Händler um 1185 v. Chr. von einer Hungersnot im Landesinneren von Syrien, in Emar. Er war aus dem Hause von Urtenu und hatte eine Filiale in Emar, lebte aber in Ugarit. Der Ort wurde bereits seit dem 24. vorchristlichen Jahrhundert besiedelt und lag an einer Kreuzung der Handelsrouten zwischen Mesopotamien, Syrien und Anatolien, direkt am Euphrat:

„Es herrscht Hunger in unserem Haus. Wir werden alle verhungern, wenn Du nicht bald kommst, werden wir alle an Hunger sterben. Du wirst keine lebende Seele auf Deinem Land mehr antreffen.“

Und selbst der König von Ugarit, das damals zum Reich der Hethiter gehörte lässt an einen anderen, nicht näher genannten König oder Herrscher schreiben:

“ Wir leiden hier sehr unter Hunger“

Ähnlich äußert sich der hethitische König:

„Weißt Du nicht, dass in meinem Land eine Hungersnot war?“

Und in einem anderen Brief des hethitischen Königs heißt es:

„Es ist eine Frage von Leben und Tod“

Es gab also zu dieser Zeit tatsächlich Hungersnöte, von denen zumindest die Schreiber von Ugarit und dem hethtischen Reich berichten.

Auch das Auftreten von Invasoren haben die Schreiber dokumentiert. So schrieb der König von Ugarit an den König von Zypern:

„Mein Vater, nun sind die Schiffe des Feindes angekommen. Sie haben meine Städte in Brand gesetzt und das Land verwüstet. Weiß mein Vater denn nicht, dass all meine Infantrie und meine Streitwägen in Khatte (der heutigen Türkei) stationiert sind und all meine Schiffe in Lukka (Lycia, in der südwestlichen Türkei) liegen? Sie sind noch nicht hier angekommen und so liegt das Land darnieder. Möge mein Vater dies zur Kenntnis nehmen. Nun haben uns die sieben Schiffe des Feindes, die gekommen sind Schaden zugefügt. Sollten noch mehr Schiffe des Feindes aufkreuzen, so gibt mir Bescheid, damit ich es weiß.“

Einen weiteren Hinweis auf die Zerstörung Ugarits durch Invasoren gibt einer der letzten privaten Briefe, die dort gefunden wurden. Er lautet:

„Als Dein Bote ankam war die Armee bereits erniedrigt und die Stadt geplündert. Unsere Nahrungsvorräte in den Speichern waren verbrannt und die Weingärten waren ebenfalls zerstört. Unsere Stadt wurde geplündert. Mögest Du es wissen! Mögest Du es wissen!“

Ugarit wurde tatsächlich durch einen kriegerischen Überfall zerstört. Die Archäologen gruben sich dort durch eine rund zwei Meter hohe Schicht, die von der Zerstörung zeugt. Sie fanden Körper von Toten in den Straßen und Pfeilspitzen in den Wänden der Häuser. Doch wer die Stadt zerstörte ist damit noch nicht klar. Es könnten die Seevölker gewesen sein, oder auch andere Invasoren.

Ähnliches gilt für die Zerstörung in Tell Hazor in Kanaan, dem heutigen Israel. Dort wurden der Palast und die Tempel zerstört. Den Statuen der Götter wurden Nasen und Arme abgehackt. Die Speicher und Häuser der normalen Bevölkerung blieben jedoch unangetastet. Der Kodirektor Amnon Ben-Tor vom Archäologischen Institut der Universität Israel meint deshalb, dass die Stadt Hazor weder von Ägyptern noch van Kanaanitern zerstört wurde, weil diese die ägyptischen und kanaanitischen Götter nicht verstümmelt hätten. Auch die Seevölker schließt er aus, weil sie angeblich nicht so weit ins Landesinnere vorgedrungen wären, was Eric Cline jedoch bezweifelt. Denn Cline weiß, dass die Seevölker noch wesentlich weiter ins Landesinnere eindrangen. Ben-Tor ist jedoch der Meinung Hazor wäre von den Israeliten zerstört worden und zwar von Joshua, denn so steht es in der Bibel geschrieben (Allerdings wird in der Bibel auch berichtet Joshua habe Jericho zerstört, obwohl die Stadt schon im 15 Jahrhundert v. Chr., lange vor Ankunft der Israeliten von den Ägyptern in einer gut dokumentierten Kampagne zerstört worden war). So hielt denn auch Sharon Zuckerman, die damalige Kodirektorin vom Archäologischen Institut der Universität Israel dagegen, dass es sich hierbei um eine interne Rebellion handelte, bei der die 99% der Unterschicht die 1% der Mächtigen gestürzt haben. Dafür spricht, dass nur die Paläste und die Tempel zerstört wurden und der Rest der Stadt erhalten blieb. Cline neigt zu dieser Hypothese.

Löwentor von Mykene. © Andreas Trepte. CC BY-SA 2.5.

Manche der damals untergegangenen Städte könnten auch Erdbeben zum Opfer gefallen sein. Denn viele von ihnen waren in aktiven Erdbebengebieten oder sogar auf Erdbebenspalten erbaut worden. Wäre es damals zu einem sogenannten Erdbebensturm gekommen, so hätte es mehrfach Beben geben können, bei denen der einmal aufgebaute Druck im Erdinneren sich nach und nach in darauf folgenden Beben abgebaut hätte.

Kreter bringen Gaben. Grab von Rekhmire in Agypten. © gemeinfrei.

Doch vor Kurzem hat ein Team von Archäologen um Joseph Maran von der Universität Heidelberg und dem Geophysiker Klaus-Günter Hinzen, von der Universität Köln die mykenischen Festungsanlagen von Tiryns und Midea auf ihre Anfälligkeit gegenüber Erdbeben untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass zumindest diese beiden Orte nicht durch Erdbeben zerstört wurden. Ihrer Meinung nach hätten die Zerstörungen dann anders ausgesehen: Dann wären die massiv gebauten Paläste nicht zerstört worden, sondern vielmehr die weniger stabilen Häuser der normalen Bevölkerung. Doch auch hier ergibt sich wieder das gleiche Bild wie in Hazor. Die Paläste und Tempel sind verwüstet, nicht jedoch die gewöhnlichen Stadtteile, die wohl erst nach und nach verfielen, nachdem sie von ihren Bewohnern verlassen wurden. Allerdings ist bisher noch nicht klar, ob die Ergebnisse die für die Argolis gelten, auch für die mykenischen Paläste auf dem Festland, wie Theben oder Orchomenos zutreffen. Korinth, das nur 60 Kilometer von Tiryns entfernt liegt, wird wesentlich öfter von Erdbeben heimgesucht als die Region am Argolischen Golf. Und tatsächlich lassen sich für die gesamte Region von 1225 v. Chr. bis 1175 n. Chr. Erdbeben nachweisen.

Mykene ist etwa direkt auf einer aktiven Erdbebenspalte erbaut und in der Stadtmauer neben dem Löwentor sieht man die entsprechenden Auswirkungen eines Erdbebens. Auch in anderen Städten der Region finden sich typische Erdbebenschäden. Es ist also gut möglich, dass manche der Verwüstungen, die man bisher den Seevölkern zuschrieb auf das Konto von Erdbeben gehen.

Schiff von Uluburun. © Georges Jansoone. CC BY-SA 3.0.

Durch das Zusammenspielt dieser verschiedenen Ereignisse kam es zu einem Zusammenbrechen der Handelsrouten. Das war für die damals schon sehr eng vernetzte Welt ein harter Schlag. So trieben etwa die Ägypter bis ins damalige Punt, dem heutigen Eritrea und Äthiopien, Handel. Und auch mit den anderen Mittelmeermächten herrschte ein reger Warenaustausch. Zum Ausdruck kam dies etwa in einer Wandmalerei im Grab von Rekhmire, in dem dargestellt ist wie Kreter Gaben bringen. Interessanterweise wurde dort sogar deutlich, dass auch die Ägypter mitbekamen, dass die Minoer auf Kreta zu dieser Zeit von den Mykenern besiegt worden waren, denn in dem Grab wurde die ursprüngliche Darstellung von minoischen Kretern durch die mykenischer Gabenbringer übermalt. Im Grab von Menkheperseneb gibt es eine ähnliche Darstellung von Kretern die Güter aus ihrer Heimat bringen. Dass die Ägypter mit dem gesamten mykenischen Griechenland Handel trieben geht aus einer Liste ägäischer Ortsnamen auf einem Sockel im Totentempel von Amenhotep III hervor. Umgekehrt fand man in den entsprechenden mykenischen Orten ägyptische Waren aus der Zeit Amenhotep III. Die Ortsnamen sind dabei geographisch so aufgelistet wie eine Handelsroute. Sie würde von Ägypten nach Kreta und von dort nach Griechenland und über Kreta zurück wieder nach Ägypten führen. Das könnte auch erklären, warum Amnisos auf Kreta gleich zweimal aufgelistet ist: weil die Händler dort zweimal Station machten.

Bronzebarren in typische Ochsenhautform aus dem Schiff von Uluburun. © Martin Bahmann. CC BY-SA 3.0.

Einen weiteren Hinweis auf die Handelsbeziehungen zwischen den damaligen Ländern liefert ein anderer Brief aus Ugarit. In ihm wird einem Händler namens Sinaranu Steuerfreiheit für seine Waren zugesagt, die er aus Kreta nach Ugarit transportiert:

„Vom heutigen Tag an gewährt Ammistamru, der Sohn von Niqmepa, König von Ugarit dem Sinaranu, Sohn von Siginu … Sein Getreide, sein Bier, sein Olivenöl muss er nicht an den Palast abgeben. Sein Schiff ist von Steuern befreit, wenn es von Kreta kommt.“

Sinaranu war demnach von Steuern befreit, wenn er seine Waren aus Kreta importierte.

Glaszylinder-Barren aus dem Schiff von Uluburun. © Martin Bahmann. CC BY-SA 3.0.

Es gab also Handelsschiffe, die zwischen den verschiedenen Ländern verkehrten. Eines davon ist sogar der Nachwelt erhalten geblieben. Es sank im 13. Jahrhundert v. Chr. vor der türkischen Küste bei Uluburun. Es hatte 354 Kupferbarren in Ochsenhautform an Bord die zusammen 10 Tonnen auf die Waage brachten. Dazu kam 1 Tonne Zinn in Form von 121 Zinnbarren in Brotlaibform. Das Schiff barg also genau das richtige Verhältnis von Kupfer und Zinn, 90% Kupfer und 10% Zinn, um Bronze herzustellen. Damit hätte man eine Armee mit 300 Männern ausstatten können. Darüber hinaus enthielt es rund 350 kg Blauglas, das seine blaue Farbe der Zugabe von Kobalt verdankte. Weiter fand man TerebinthenHarz vom Pistazienbaum das der Parfümherstellung und dem Färben von Wachs diente. Sowie Ebenholz und Elfenbein, welches sowohl von Elefanten, als auch von Flusspferden stammte. Als die Archäologen daraufhin die Elfenbeinfunde aus der späten Bronzezeit genauer untersuchten stellten sie fest, dass 90% der Elfenbeinstücke dieser Zeit vom Flusspferd waren. Kein Wunder, dass es in der Levante keine Flusspferde mehr gibt. Weiter transportierte das Handelsschiff Eicheln, Mandeln, Feigen, Oliven, Granatäpfel, Töpferwaren, sowie Schmuck aus Gold und Silber, Bronzewerkzeuge und Waffen.

Das Schiff stellt geradezu eine Art Mikrokosmos der damaligen Welt dar. Auf ihm befanden sich Waren aus sieben verschiedenen Ländern. Es könnte sein, dass das Schiff eine regelmäßige Handelstour durch das östliche Mittelmeer machte und in jedem Land, in dem es anlegte Waren auf- und ablud. Doch es könnte sich dabei natürlich auch um ein Geschenk eines Königs an einen anderen König handeln. Das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Nachbildung mykenischer Töpferwaren, die sich auf dem Schiff befanden. © Martin Bahmann. CC BY-SA 3.0.

Bei den meisten Gegenstände handelt es sich wohl um Waren, andere gehörten der Besatzung oder waren Teil der Schiffsausrüstung. Dazu gehörten Keramik und Schmuck aus den kanaanitischen Stadtstaaten der Levante, Schmuck und Glas aus Ägypten, Kupfer aus Zypern, Rollsiegel aus Assur, ein ägyptisches Siegel in Skarabäenform, Waffen und Keramik aus dem mykenischen Raum, ein Schwert und eventuell auch Lanzenspitzen aus Sizilien und sogar Bernstein von der Ostsee. Die meisten dieser Waren wurden in Amphoren und Pithoi verstaut. In drei Pithoi befand sich Keramik aus Zypern. Andere Gefäße enthielten Oliven, Olivenöl, Granatäpfel und Pistazienharz, das vermutlich aus der Region am Tote Meer stammte. Die 175 blauen und türkisgrünen Glaszylinderbarren stammen wahrscheinlich aus dem syrisch-palästinensischen Raum. Das Glas stimmt in seiner Zusammensetzung verblüffend gut mit Funden aus dem Ägypten der 18. Dynastie und Perlenfunden aus Mykene überein und beweist, dass Glas damals im gesamten östlichen Mittelmeerraum gehandelt wurde. Es diente zur Imitation von Edel- und Schmucksteinen wie Lapislazuli, Türkis und Amethyst.

Ein weiterer Beweis für eine globale wirtschaftliche Verflechtung zu dieser Zeit gibt ein Brief der in Amarna gefunden wurde. Darin schreibt der König von Zypern an den König von Ägypten:

„Ich werde Dir zum Geschenk 200 Talente Kupfer bringen.“

Zusammenfassend kann man sagen:

Es gab also in der späten Bronzezeit vom 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr. in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum verschiedene voneinander unabhängige Zivilisationen, die in ihrer Blütezeit enge Handelsbeziehungen unterhielten. Dazu gehörten die Mykener, Minoer, Zyprioten, Hethiter, Assyrer, Mittani, Babylonier, Kanaaniter und die Ägypter.

Am Ende der späten Bronzezeit wurden viele Städte zerstört und das Leben, das ihre Bewohner bis dahin gekannt hatten kam um 1177 v. Chr. oder kurz danach zu einem Ende.

Doch was diesen Zusammenbruch der Zivilisation der damaligen Welt verursachte ist nicht klar. Die bisherige Erklärung für den Untergang ist zu einfach.

Es ist jedoch offensichtlich, dass es sowohl Dürren, als auch Hungersnöte, sowie Erdbeben, Rebellionen und Invasoren gab. Eines, zwei vielleicht auch drei solcher Ereignisse gleichzeitig konnten sich die damaligen Hochkulturen wahrscheinlich noch erwehren. Kamen jedoch alle gleichzeitig ins Spiel, was vermutlich der Fall war, mussten sie sich geschlagen geben.

Eric Cline glaubt, dass die damaligen Kulturen so eng miteinander vernetzt waren, dass bereits der Fall eines oder zweier Reiche auch den Untergang der anderen Reiche nach sich gezogen hätte, wie bei einem Domino-Effekt. Denn alle waren etwa vom Kupfer abhängig, über das die Zyprioten verfügten. Eine Destabilisierung der Mykener oder Hethiter hätte dann auch Schwierigkeiten für die anderen Kulturen bedeutet, die auf sie angewiesen waren.

Laut Cline kam es damals zu einem Systemkollaps. Ein solcher Kollaps geht mit folgenden Ereignissen einher:

  1. Zusammenbrechen der zentralen Verwaltung
  2. Verschwinden der Elite-Klasse
  3. Kollaps der zentralisierten Wirtschaft
  4. Veränderung der Siedlungsstruktur und einem Rückgang der Bevölkerung

Doch ein solcher Kollaps findet natürlich nicht in einem Jahr statt, so wie auch das römische Reich nicht im Jahr 476 n. Chr. unterging. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der sich wohl eher über ein Jahrhundert hinzog.

Goldene Tasse aus einem mykenischen Grab. © Giovanni Dall’Orto. gemeinfrei.

Typisch für einen Systemkollaps ist, dass sich im anschließenden dunklen Zeitalter romantische Mythen über die Vergangenheit bilden. Auch diese finden sich etwa in den von Homer gesammelten Geschichten Ilias und Odyssee. Doch konnten sich die Griechen der antiken Zeit gar nicht mehr vorstellen, wie mächtig und reich ein damaliger König, Wanaks genannt wirklich war. In Homers Beschreibung hütet er noch selbst Schafe. Tatsächlich war er jedoch ein Priesterkönig, der unglaublich reich und mächtig war und vor allem religiöse Funktionen erfüllte. Die Familien der Herrschenden wetteiferten selbst in ihren Gräber noch darum, wer mehr Reichtum besitzt, indem sie sich gegenseitig mit prächtigen Grabbeigaben aus Gold übertrumpften.

Nestorbecher aus einem mykenischen Grab. © Anamnesis. CC BY-SA 3.0.

Und was können wir aus dem Systemkollaps am Ende der Bronzezeit lernen? Laut Eric Cline haben auch wir heute möglicherweise ähnliche Probleme, wie die damaligen Hochkulturen:

  • Wir haben einen Klimawandel
  • Es gibt Dürren und Hungersnöte
  • es gibt Erdbeben
  • und Rebellionen
  • fehlen nur noch die Seevölker. Aber wir haben schließlich den IS und die von ihm verursachten Flüchtlingsströme

Die heutige Situation in der Region sieht wie folgt aus:

  • die griechische Wirtschaft ist gebeutelt
  • Der arabische Frühling hat viele der Länder destabilisiert
  • Die Türkei kämpft gegen die Kurden in Syrien
  • Israel versucht die Iraner in Syrien in Schach zu halten
  • Jordanien und der Libanon sind voller syrischer Flüchtlinge
  • und Iran und Irak haben auch große Probleme

Doch wiederholt sich die Geschichte? Wenn dann mit anderen Akteuren. Doch bekanntlich sind Vorhersagen immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Zumal wir ja gar nicht so genau wissen, was den Untergang in der späten Bronzezeit wirklich auslöste. Vielleicht war es ja doch der gewaltige Vulkanausbruch von Hekla 3 auf Island.

von Ute Keck, 28.8.2018

 

Seevölker der Antike in der Ägäis ca. 1200 v.Chr. Teil 1 von 2

Seevölker der Antike in der Ägäis ca. 1200 v.Chr. Teil 2 von 2

Apokalypse in der Bronzezeit – das Ende der ersten Hochkulturen

Judaism: Inside the Torah: Kings of Israel – The Story of King David and the Jewish (Israelite) people.

Kommentare sind geschlossen.