Wie sich Altruismus fördern lässt

© Benjamin Gimmel. CC BY-SA 3.0.

Früher war es die Aufgabe der Religion, die Mitglieder einer Gemeinschaft zu gemeinnützigem Verhalten zu motivieren, ohne das keine Gesellschaft funktionieren kann. Mit der Abnahme religiöser Vorstellungen müssen andere Möglichkeiten entwickelt werden, um uns moderne Menschen zu sozialem Verhalten anzuregen. Forscher haben nun eine Methode entdeckt, wie dies nachhaltig erfolgen kann.

Jede Gesellschaft ist darauf angewiesen, das ihre Mitglieder großzügig miteinander umgehen, um florieren zu können. Ist dies nicht der Fall, so versagt die Gesellschaft und es erstarken wieder Klanstukturen und das Faustrecht, wie es in so manchem gescheiterten Staat dieser Welt der Fall ist. Dann kooperieren die einzelnen Mitglieder einer komplexen Gesellschaft nur auf der Basis von Verwandtschaftsbeziehungen und dem Recht des Stärkeren. Damit eine komplexere, vertrauensvolle Interaktion zwischen den einzelnen Individuen möglich ist, die sich nicht kennen, müssen diese auf einen gemeinsamen Wertecodex eingeschworen werden. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Gegenüber sie nicht übervorteilt oder betrügt. Unter Umständen muss sogar der Einzelne auf eigene Vorteile um des Gemeinwohls willen verzichten können. Etwa für eine gerechte Verteilung der vorhandenen Ressourcen.

Eine solche Einstellung ist nicht nur die Basis jeder funktionierenden Gesellschaft, sondern auch der gesamten menschlichen Zivilisation. Ohne sie können wir die gemeinsame Anstrengung, die dazu notwendig ist, den globalen Klimawandel oder die Vermüllung unserer Meere zu stoppen, nicht aufbringen. Forscher haben nun herausgefunden, wie sich ein solch altruistisches Verhalten einüben lässt.

Für die Studie nahmen die Testpersonen an einem neun Monate dauernden mentalen Training teil, das auf Meditationen basierte. In einem der Module schärften die Probanden ihre Aufmerksamkeit und ihr Körperbewusstsein. Damit ähnelte es dem derzeit populären Training der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion. In einem zweiten Modul wurden sozioaffektive Fähigkeiten wie Mitgefühl, Dankbarkeit und altruistische Motivation eingeübt. Und im dritten Modul erlernten die Teilnehmer den flexiblen Blick auf sich selbst und auf andere sowie die Fähigkeit, Perspektivwechsel zu unternehmen.

Dabei zeigte sich, dass die menschliche Bereitschaft sich sozial zu verhalten formbar ist und dass sich verschiedene Aspekte des Altruismus durch unterschiedliche mentale Trainingsarten systematisch steigern lassen. Wobei der Aufwand hierfür nicht einmal sehr groß ist. Dazu waren lediglich kurze tägliche Praktiken notwendig, die leicht in den Alltag integriert werden könnten.

Ein solch altruistisches Verhalten mag für den Einzelnen von Fall zu Fall kostspielig sein, bringt aber entweder dem jeweiligen Kooperationspartner oder der gesamten Gruppe Vorteile. Und beim nächsten Mal liegt dann der Vorteil bei einem selbst.

Von allen drei Motivationstechniken war nur das Affektmodul dazu in der Lage, die Teilnehmer zu altruistischem Verhalten anregen. Und zwar unabhängig davon, wie diese Übungen mit anderen Praktiken kombiniert wurde. Die Probanden verhielten sich nach diesem Training großzügiger, waren eher zu spontaner Hilfe bereit und spendeten höhere Beiträge an gemeinnützige Organisationen.

Dieses Affektmodul bestand aus drei Einführungstagen, wöchentlichen Treffen mit Meditationslehrern und etwa 30 Minuten täglicher Praxis über einen Zeitraum von drei Monaten. In dem Modul wurden Sorge und Mitgefühl für sich selbst und andere geübt, sowie altruistische Motivationen und Dankbarkeit. Darüber hinaus wurde erlernt, mit schwierigen Emotionen umzugehen. Die Kernübung bestand in einer Meditation, in der die Teilnehmer Gefühle der Wärme und Fürsorge gegenüber sich selbst und anderen, sowohl solchen, gegenüber denen sie neutral gestimmt waren, als auch gegenüber solchen Personen, mit denen sie Schwierigkeiten hatten. Dabei wiederholten die Probanden Sätze wie „Du sollst glücklich sein!“ oder „Du sollst ein gutes Leben haben!“. Darüber hinaus führten sie eine Partnerübung durch, die entweder von Angesicht zu Angesicht erfolgte, oder Online über den Computer. Bei diesem Gespräch berichteten die Teilnehmer jeweils über zwei vor kurzem erlebte Begebenheiten, eine, mit der sie Schwierigkeiten hatten und eine, für die sie dankbar waren. Während dem Gespräch hörte der eine Teilnehmer aufmerksam zu, ohne ein Feedback zu geben und übte so empathisches Zuhören. Der andere betrachtete die Situation ohne abstrakte Argumentation oder Interpretation und übte so ein Vertraut werden und Akzeptieren schwieriger Emotionen und die Entwicklung von Dankbarkeit. Anschließend wurden die Rollen getauscht. Weiter wurden bei dem Training Emotionen beobachtet, eine Vergebungs-Meditation durchgeführt und Mitgefühl mit sich selbst geübt.

Demnach kann also die altruistische Motivation und das Verhalten der Menschen durch einfache, kurze und nicht kostspielige mentale Praktiken verändert werden. Wenn wir diese affektiven und motivierenden Fähigkeiten in unseren Schulen, im Gesundheitswesen und am Arbeitsplatz pflegen, könnte dies ein wichtiger Schritt zu einer verantwortungsvollen Gesellschaft und der Lösung unserer globalen Probleme sein. Eine alte Weisheit, die sich die Menschheit über die Jahrtausende durch die religiösen Moralvorschriften zunutze machten. Nun wurden sie in moderner Form durch die Wissenschaft wieder entdeckt.

von Ute Keck, 12. Oktober 2018

Originalpublikation:

Anne Böckler, Anita Tusche, Peter Schmidt & Tania Singer. Distinct mental trainings differentially affect altruistically motivated, norm motivated, and self-reported prosocial behaviour. Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-018-31813-8

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