Platon, das Gute und das optimistische Weltbild des Westens

Paton. © public domain. Wikimedia Commons.Paton. public domain. Wikimedia Commons.

Der antike griechische Philosoph Platon hat wie kaum ein anderer unser Weltbild geprägt. Obwohl er im 4. Jahrhundert v. Chr. lebte werden seine Werke bis heute nicht nur in der Schule, sonder auch von hochrangigen modernen Philosophen diskutiert. Offenbar haben seine Vorstellungen bis heute kaum an Aktualität verloren. Platon lebte in einer Zeit, in der die Menschen begannen ihre überlieferten Weltbilder zu hinterfragen und in ausgiebigen Diskussionen darüber nachzudenken, was den Menschen ausmacht und wie er leben sollte, um seine Möglichkeiten optimal zu entfalten. In diesem Klima des geistigen Aufbruchs lieferte Platon einen entscheidenden Beitrag, dem wir unter anderem eine zentrale Eigenschaft unserer Kultur verdanken: unsere positive Sicht auf die Welt.

Sokrates. Marie-Lan Nguyen. CC BY 2.5. Wikimedia Commons.

Platon war ein Schüler von Sokrates, der dafür berühmt war, traditionelle Vorstellungen zu hinterfragen. Wobei Sokrates selbst nicht für sich in Anspruch nahm, über ein besonderes Wissen zu verfügen. Vielmehr sah er sich als eine Art geistiger Hebamme, die seine Schüler durch intensive Diskussionen dazu brachte eine neue Sicht auf die Welt hervorzubringen. Ein Spruch des delphischen Orakels soll ihn als den weisesten Griechen seiner Zeit bezeichnet haben. Das verwunderte ihn. Da er doch wusste, das er nichts wusste. Daher beschloss er den Spruch des Orakels auf die Probe zu stellen und andere weise Menschen seiner Zeit zu befragen, um das Orakel zu widerlegen. Doch nach jeder Diskussion musste er feststellen, dass auch diese vermeintlich Weisen nicht über gesicherte Erkenntnisse verfügten. Daher stimme Sokrates dem Orakel am Ende seines Lebens zu, dass er der Weiseste sei. Und zwar deswegen, weil er selbst wusste, das er nichts wusste. Während die anderen vermeintlich Wissenden sich ihres Nichtwissens nicht bewusst waren. Durch sein Hinterfragen tradierter Werte und Normen macht sich Sokrates bei den Mächtigen Athens unbeliebt. Daher wurde er 399 v. Chr. wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt und dazu verurteilt den Schierlingsbecher zu trinken. Vermutlich glaubte er, wie Platon selbst auch, an das Eine, den Logos oder den Nous. Diese monotheistischen Vorstellungen, hatten sich im Laufe von Jahrhunderten von Babylon, über Persien bis nach Griechenland bei der gebildeten Elite herausgebildet. Im Gegensatz zu anderen Philosophen seiner Zeit, die in ähnliche Schwierigkeiten gerieten, kaufte Sokrates sich nicht frei, um ins Exil zu gehen. Obwohl seine Anhänger ihn eindringlich darum baten. Er wollte dem Gesetz Athens und dem Gott des delphischen Orakels Apollon gehorchen, der dieses Schicksal für ihn bestimmt hatte. Damit wurde er zum ersten Märtyrer, der für seine Überzeugungen starb und auf diese Weise als antikes Vorbild der Tugendhaftigkeit unsterblichen Ruhm erlangte.

Der Tod des Sokrates. Jacques-Louis David (1748–1825). © gemeinfrei. Wikimedia Commons.

Sokrates ungerechter Tod muss auf Platon einen nachhaltige Eindruck gemacht haben, denn in fast allen seinen Dialogen spielt Sokrates die zentrale Rolle des weisen Gesprächsführers. Auch hat er dem Prozess und der Verteidigung des Sokrates gleich drei Werke gewidmet: die Apologie des Sokrates, Kriton und Phaidon. Er selbst äußert seine eigene Meinung nie direkt, sondern legt sie immer nur dem Sokrates in den Mund. Möglicherweise befürchtete er, sonst in gleicher Weise zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie sein verehrter Lehrer. In Platons frühen Werken enden die Diskussion meist in einer Aporie, das heißt, ein Thema wird hinterfragt, die Diskutierenden kommen jedoch nicht zu einer befriedigenden Lösung des Problems, Statt dessen wird es dem Leser selbst überlassen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Platons Ideenlehre. © de:Benutzer:Tischbeinahe. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

In seinen späteren Werken wird es dann jedoch konkreter, als er seine Ideenlehre entwickelte. In ihr idealisierte er sowohl Begriffe aus dem täglichen Leben, wie „den Tisch an sich“ oder „den Stuhl an sich“, als auch solche des abstrakten Denkens, wie „das Schöne an sich“ oder  „das Gerechte an sich“. Wobei er davon überzeugt war, dass diese Ideen nicht nur Vorstellungen in unserem Geist sind, sondern einer objektiven metaphysischen Realität entsprechen. Sie sollten unvergänglich und unveränderlich sein, im Gegensatz zu den Objekten der irdischen Welt, die vergänglich und stetigen Veränderungen unterworfen sind. Damit spielten für ihn die Objekte der realen Welt nur noch eine nachrangige Bedeutung als eine Art von Schatten der von ihm als einzig real betrachteten metaphysischen Ideen.

Platon ging es, wie vielen seiner Zeitgenossen, um die Tugend und damit auch um ein ideales Zusammenleben in der Gesellschaft. Er wollte damit einen Gegenentwurf gegenüber den zu seiner Zeit weit verbreiteten Sophisten entwickeln, die als Skeptiker nicht nur alles in Frage stellten, sondern aus dieser Lebenshaltung heraus auch alle Werte relativierten. Sie vertraten die Meinung, jeder solle allein seine eigenen Interessen verfolgen und verbreiteten diese Weltanschauung durch ihre Lehren und Rhetorikausbildung. Im Gegensatz dazu schrieb Platon der Idee des Guten eine besondere Bedeutung zu. Sie ist allen anderen Ideen übergeordnet und befindet sich in einem transzendenten Bereich jenseits der Welt der Ideen. Wobei alle anderen Ideen dem Guten ihre Existenz verdanken. Als oberstes Prinzip und Ursache allen Seins ist es die Quelle der positiven Eigenschaften von allem. Die anderen Ideen sind nur dadurch gut und wertvoll, indem sie an der Idee des Guten teilhaben. Sie durchdringt alle Bereiche des Seins und verleiht ihnen damit ihre Struktur. Sie erinnert damit an eine Art positiv vorgestellten Logos. Ursprünglich war der Logos ein von Heraklit eingeführtes vernünftiges Weltgesetz oder eine Weltseele, die den gesamten Kosmos durchdringt.

In seinem Werk Der Staat erklärt Platon die Vorstellung einer transzendenten Idee des Guten mit Hilfe des Sonnengleichnisse. So, wie die Sonne die irdische Welt mit ihrem Licht überhaupt erst sichtbar macht, so ermöglicht das Gute die Erkenntnis der Wahrheit. Doch damit nicht genug führt Sokrates weiter aus:

Du wirst wohl einräumen, glaube ich, dass die Sonne den sinnlich sichtbaren Gegenständen nicht nur das Vermögen des Gesehenwerdens verleiht, sondern auch Werden, Wachsen und Nahrung, ohne dass sie selbst ein Werden ist? Das ist sie nicht! Und so räume denn auch nun ein, dass den durch die Vernunft erkennbaren Dingen von dem eigentlichen Guten nicht nur das Erkanntwerden zuteil wird, sondern dass ihnen dazu noch von jenem das Sein und die Wirklichkeit kommt, ohne dass das höchste Gut Wirklichkeit ist: es ragt vielmehr über die Wirklichkeit an Hoheit und Macht hinaus.

Da rief Glaukon mit einem feinen Wortwitze aus: O Gott Apollon, welch übernatürliches Übertreffen!

Worauf Platon seinen Sokrates vorsichtig antworten lässt:

Daran, erwiderte ich, ist niemand als du Schuld durch die Nötigung, nur meine subjektiven Meinungen über jenes höchste Gut zu äußern.

Sokrates bzw. Platon identifiziert also die Idee des Guten mit dem Sonnengott Apollon. Wegen der leidvollen Erfahrung mit der Verurteilung des Sokrates, ist Platon jedoch extrem vorsichtig damit, Meinungen über seine Gottesvorstellungen zu äußern. Aber aus vielen seiner Äußerung lässt sich schließen, dass er vermutlich ein Monotheist war, der das Eine oder den Logos mit der Idee des Guten gleich setzte, das er in der obersten griechischen Gottheit, Apollon oder seinem Vater Zeus verkörpert sah.

Doch daran, dass er davon überzeugt ist, dass die Götter gut sind und deshalb bisher von Dichtern wie Homer nicht angemessen dargestellt wurden, lässt Platon im zweiten Buch seines Staates keinen Zweifel. Zu Platons Zeiten galten die Götter noch als zänkische, launische und egoistische Zeitgenossen, die keine Schadtat scheuten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Platon fand jedoch, dass ein solches Verhalten einem Gott nicht gerecht wird und was ihm besonders wichtig war, auch kein Vorbild für die Erziehung der Jugend darstellt. Schließlich wollte Platon einen idealen Staat entwerfen, in dem die Menschen besonders tugendhaft sind und sich um das Wohl der Gemeinschaft kümmern. So schlägt Sokrates denn vor, die alten Mythen derart umzuschreiben, dass die Götter entsprechend gut und gerecht dargestellt werden:

… so müssen sie (die Dichter) eine Erklärung erfinden, ungefähr wie wir sie jetzt verlangen, und müssen sagen, dass die Gottheit gerecht und gut gehandelt hat und jene von der Strafe Nutzen haben; dass aber die Gestraften unglücklich seien und die Gottheit es gewesen, die das herbeigeführt habe, – das muss man den Dichter nicht sagen lassen. Wohl aber muss man es ihnen zulassen, wenn sie etwa sagen, dass diese Bestrafung brauchten, weil die Schlechten unglücklich sind, und dass die Gottheit, indem sie sie bestrafte, ihnen nützte; dass aber die Gottheit, die doch gut ist, für jemand Ursache von Schlechtem werde, dagegen muss man auf alle Weise ankämpfen, dass es niemand sage in seinem Staate, wenn er wohl eingerichtet sein soll, noch auch höre, weder ein Jüngerer noch ein Älterer, weder in gebundener Rede erzählend noch in ungebundener, da es eine Sünde wäre, wenn es gesagt würde, und weder für uns zuträglich noch mit sich selbst in Übereinstimmung.

Ich unterstütze diesen Gesetzesvorschlag, versetzte er (Glaukon), und bin damit einverstanden.

Das wäre denn also, sagte ich, eines von den Gesetzen und Mustern in Bezug auf die Götter, nach welchem die Sprechenden zu sprechen und die Dichtenden zu dichten haben werden: dass die Gottheit nicht von allem Ursache ist, sondern nur von dem Guten.

Und weiter unten folgt:

In hohem Grade einfach und wahr ist also der Gott im Handeln und im Reden, und er verwandelt sich weder selbst noch täuscht er andere, weder [in Erscheinungen noch] in Worten noch in Sendung von Zeichen, weder im Wachen noch im Traume.

So kommt es mir selbst auch vor, bemerkte er, infolge deiner Ausführungen.

Du erkennst also an, sagte ich, dass dies das zweite Muster ist, wonach man Götter im Sprechen und Dichten darstellen muss: als solche, die weder selbst Gaukler sind, indem sie sich verwandeln, noch uns durch Lügen irreführen im Reden oder im Tun?

Die Illias diente im antiken Griechenland als Lesestoff in den Schulen. Sie berichtet über den Verlauf des trojanischen Krieges, in dem die Götter ein unrühmliche Rolle spielen. © gemeinfrei. Wikimedia Commons.

Gerade für die Bildung der Jugend in seinem „idealen“ Staat hielt Platon es für unerlässlich, die Götter positiv darzustellen. Da die Jugend mit Hilfe der Mythen erzogen wurde. Zu Platons Zeiten dienten hierzu die Epen von Homer: Die Odyssee, welche über die Abenteuer von Odysseus berichtet und der Verlauf des trojanischen Krieges, der in der Illias beschrieben ist. Doch da Platons Meinung nach in diesen Werken die Götter und Menschen mit einem zweifelhaften Charakter dargestellt werden, wollte er diese Texte zum Wohle der Gesellschaft zensieren lassen:

Wenn jemand derartiges über Götter sagt, werden wir böse werden und keinen Chor hergeben, noch die Lehrer davon bei Bildung der Jugend Gebrauch machen lassen, wofern uns die Wächter gottesfürchtig werden sollen und göttlich, soweit es nur immer einem Menschen möglich ist.

Denn das Verhalten der Götter soll als Vorbild dienen und das kann es natürlich nur, wenn sie auch gut sind. Schließlich sollen sich die Menschen in Platons Staat besonders moralisch verhalten, damit der Staat in Harmonie funktionieren kann. Zu diesem Zweck ist ihm sogar eine sogenannte edle Lüge zulässig. Bevor Platon die Idee der edlen Lüge formulierte, um die Menschen zum Guten zu führen, indem sie dem guten obersten Gott nacheifern, gab es auch schon andere „unedle“ Lügen in Form von Mythen. Diese Mythen beschrieben jedoch die antiken griechischen oder auch babylonischen und ägyptischen Götter nicht als gut. Von ihnen wird vielmehr allzu oft berichtet, dass sie sich Tricks bedienten um ihre Ziele zu erreichen. Allzu menschlich eben, nur dass sie über wesentlich mehr Macht verfügten. Auch kümmert sie das Schicksal der Menschen oft nicht. Und sie bekämpfen sich gegenseitig oft gnadenlos.

So bewirkte etwa der oberste mesopotamische Gott Enlil eine Flut, weil sich die Menschen zu sehr vermehrt hatten und er wegen dem Lärm, den sie verursachten, nicht mehr schlafen kann. Enlil wird hier also nicht als Gott beschrieben, dem es um das Wohl der Menschen geht, sondern nur um sein eigenes, genauer gesagt darum, selbst ruhig schlafen zu können. Und dafür ist er bereit alle Menschen umzubringen. Hilfe bekommen die Menschen in dieser mesopotamischen Variante der Sintflut vom Gott der Weisheit Enki, der den Menschen die Kultur brachte. Er gibt dem mesopotamischen Noah Ziusudra oder in einer anderen Variante Uta-napišti Anweisungen eine Arche zu bauen.

Ein anderes Beispiel ist der griechische Gott Kronos, dessen Vater seine Kinder so wenig mochte, dass er sie in die Unterwelt verbannte. Seine Mutter Gaia musste daraufhin ihre weiteren Kinder, die Titanen, im Verborgenen zur Welt bringen. Gaia stiftete Kronos schließlich dazu an seinen Vater Uranos zu entmannen. Als Kronos selbst Vater wurde verschlang er seine Kinder aus Angst selbst einmal, wie sein Vater, entmachtet zu werden. Daher musste sich seine Frau Rhea als sie mit Zeus schwanger war in die Höhle von Psychro im kretischen Dikti-Gebirge zurückziehen, wo sie Zeus zur Welt brachte und aufzog.

Entmannung des Uranos durch Kronos. © gemeinfrei. Wikimedia Commons.

Auf Mythen ganz verzichten wollte Platon aber nicht, denn ihm war wohl auch bewusst, dass uns Menschen Geschichten mehr ansprechen und wir uns durch sie eher zur Nachahmung und tugendhaftem Verhalten inspirieren lassen, als durch rein rationale Argumente. Darüber hinaus hatten Mythen den Vorteil, dass die Menschen, die mit ihnen aufgewachsen waren, diese nicht mehr in Frage stellten. Das galt auch für die Führungselite von Platons „idealem“ Staat, die er sich als bestens ausgebildete Philosophen vorstellte, die besonders tugendhaft sein und keinen Besitz haben sollten.

Platon war auch der Überzeugung, das Verhalten der Menschen, wie es die Dichter beschrieben, sei ebenfalls für die Erziehung der Jugend ungeeignet und müsse daher umgeschrieben werden. So erklärt denn Sokrates im Staat, im zweiten Buch:

Weil ich glaube, dass wir sagen werden, dass die Dichter und Erzähler in Bezug auf die Menschen die wichtigsten Behauptungen fälschlich aufstellen, dass nämlich viele zwar ungerecht, aber glücklich seien, und Gerechte unglücklich, und dass das Unrechttun nütze, wenn es unentdeckt bleibe, und dass die Gerechtigkeit das Beste anderer und der eigene Nachteil sei; und ich glaube, wir werden verbieten, derartiges zu sagen, und werden vorschreiben, das Gegenteil davon zu singen und zu erzählen. Oder meinst du nicht?

In einem anderen Werk, den Gesetzen, beschreibt Platon ein weiteres Mal, wie ein neuer Staat zu gründen ist. In der Zwischenzeit hatte er vergeblich versucht den Herrscher in Syrakus auf Sizilien für seine Pläne eines idealen Staates zu gewinnen und war dabei aber gescheitert. In den Gesetzen pilgern ein Spartaner, ein Kreter und ein namenloser Athener, der dem alt bekannten Sokrates jedoch auffallend ähnelt, zur Geburtshöhle von Zeus auf dem Berg Ida in Kreta. Hier soll einer Legende nach König Minos, der den Athenern als Sohn von Zeus galt, Zeus alle neun Jahre in seiner Geburtshöhle besucht haben und von ihm gelernt haben, für sein Volk gute Gesetze aufzustellen. So berichtet es zumindest Sokrates in dem inzwischen für unecht gehaltenen Dialog Minos, der aber auch zur Zeit Platons verbreitet war. Ein passendes Ziel für eine Gruppe von Philosophen, die gerade dabei sind, die Gesetzte für ihren neu zur gründenden Staat aufzustellen. Die zukünftigen Siedler sollen in zwölf Stämme unterteilt werden und ihnen soll per Los Land zugewiesen werden. Jeder Stamm soll einen Gott zugeordnet bekommen, nach dem er benannt wird. Diese Idee hat Platon wohl vom Athener Modell entlehnt. Dort hatte Kleisthenes bei seinen Staatsreformen die Athener Bevölkerung in 10 Stämme aufgeteilt, die jeweils nach lokalen Helden benannt wurden und die man daher als Eponymen bezeichnete. Zwischen c.a. 300 und 220 v. Chr waren die Athener in zwölf Stämme aufgeteilt.

Wie Russel Gmirkin und Phillip Wajdenbaum herausfanden entsprechen einige der Gesetzte Platons in auffälliger Weise den Gesetzen, die Moses laut dem alten Testament von Jahwe am Berg Sinai übergeben bekam. Sogar die Reihenfolge ist die gleiche. Beide Bibelforscher haben darüber hinaus einige Hinweise dafür gefunden, dass die jüdische Torah vielerorts Motive griechischer Mythen übernommen hat, die ganz im Sinne Platons umgeschrieben wurden, so dass sie nahe legen, Jahwe sei ein gerechter Gott und unterstütze nur Menschen, die sich moralisch verhalten. Es ist also durchaus möglich, dass sich die jüdischen Autoren des alten Testaments von Platons Ideen inspirieren ließen.

Münze, auf der vermutlich Jahwe dargestellt ist. Geprägt zur Zeit des persischen Achämenidenreiches für die Region des heutigen Israel  c.a. 400 v. Chr.

Wie die Papyri von der Insel Elephantine im Süden Ägyptens belegen, gab es um 400 v. Chr. ,als die Perser über diese Region herrschten, wohl noch keine Torah und keine Gesetze, die der Gemeinde verboten einen eigenen Tempel zu errichten. Ihre Mitglieder waren polytheistisch und verehrten etwa neben Jahwe seine Gemahlin Aschera. Auch das Frühlingsfest wurde noch ganz normal gefeiert und stand noch nicht im Zeichen des Auszuges aus Ägypten. Unter den Dokumenten fand man auch eine Abschrift des Kyros-Zylinders, eine persische Propagandaschrift, in dem der persische König Kyros darüber berichtete, wie er vom obersten babylonischen Gott Marduk dazu auserwählt worden war, Babylon zu erobern und die gestörte Weltordnung wiederherzustellen. Dieser Text dürfte der Grundlage dafür sein, dass Kyros im Alten Testament als Messias gefeiert wird. Zur gleichen Zeit gab es in Juda wohl auch noch kein Bilderverbot, wie eine Münze aus der Perserzeit belegt, auf der ein Gott dargestellt ist, bei dem es sich wohl um Jahwe handelt.

Laut den Bibelforschern Niels Peter Lemche, Philippe Wajdenbaum, Russell Gmirkin, und Thomas L. Thompson belegen die Papyri von Elephantine, dass sich der jüdische Monotheismus und die Torah nicht vor dem 4. Jahrhundert v. Chr. entwickelt haben. Vielmehr sind sie demnach ein Produkt des Hellenismus, entstanden unter griechischen Einfluss zur Zeit der Ptolomäer im vierten und dritten Jahrhundert v. Chr. oder sogar noch später. Wenn dem tatsächlich so wäre könnte man sich gut vorstellen, dass die Autoren der Torah für ihre Arbeit die berühmte Bibliothek von Alexandria nutzten. Russel Gmirkin ist davon überzeugt. Zumal es damals in Alexandria eine große jüdische Gemeinde gab. Die Bibliothek in Alexandria dürfte damals über fast jede Schriftrolle verfügt haben, die es in der antiken Welt gab. Denn die Ptolomäer ließen die Bücher von jedem Schiff beschlagnahmen, das in ihren Hafen einlief. Sie ließen die Bücher kopieren und gaben die Kopie an den ursprünglichen Eigentümer zurück. Das Original behielt die Bibliothek.

Im Altertum wird die Torah zum ersten Mal im Aristeasbrief erwähnt, der von der Übersetzung des Pentateuch ins Griechische durch die 72 Priester berichtet. Daher wird die Übersetzung auch Septuaginta genannt. Laut dem Aristeasbrief soll Ptolemaios II. Philadelphos die Juden beauftragt haben, eine Übersetzung ihrer Gesetze für die Bibliothek von Alexandria anzufertigen. Inzwischen ist man jedoch der Meinung, die Übersetzung der Torah ins Griechische hätten die Juden für ihre eigenen Gemeinden angefertigt, weil viele von ihnen bereits so weit hellenisiert waren, dass sie Hebräisch gar nicht mehr verstanden. Interessanterweise wird in dem Brief die Meinung vertreten Zeus sei nur ein anderer Name für Jahwe, ganz so, wie es in der Antike üblich war die eigenen Götter ihren Aufgaben entsprechend mit denen anderer Kulturen gleichzusetzen. Der Brief gilt heute als Fälschung und wird in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert. Doch auch die in Qumran gefundenen Texte des alten Testaments sind nicht wesentlich älter. Die ältesten sind aus dem 2. oder 3. Jahrhundert v. Chr.. Wobei die meisten von ihnen jedoch aus dem Zeitraum zwischen 100 v. Chr. und 30 n. Chr. stammen. Unter ihnen fanden man auch religiöse Texte, die gerade aus dem Griechischen ins Hebräische übersetzt wurden.

Ein weiterer griechischer Autor, der die Juden erwähnt, ist Theophrast, der etwa von 371 – 287 v. Chr. lebte. Er weiß in seinem nur in Fragmenten erhaltenen Werk Über die Frömmigkeit nichts über die jüdischen Schriften zu berichtet, wohl aber über denen Opferpraxis:

Die Syrer, von denen die Juden ein Teil sind, opfern auch jetzt noch, aufgrund der ursprünglichen Einrichtung dieses Opfers, lebende Tiere. Wenn uns jemand die Anweisung gäbe, auf diese Weise zu opfern, würden wir vor einer solchen Handlung zurückschrecken. Es gibt auch keinen Opferschmaus, sondern sie verbrennen sie die ganze Nacht hindurch und begießen sie mit Honig und Wein, um die Opfer schneller vom Feuer verzehren zu lassen, damit nicht der, der alles sieht, sich diesem schrecklichen Anblick aussetzen muss. In den Tagen dieser Opfer fasten sie. Während der ganzen Zeit sprechen sie unablässig miteinander über die Gottheit, denn sie sind Philosophen ihrer gesamten Art nach, und in der Nacht beobachten sie die Sterne, schauen sie an und rufen Gott mit ihren Gebeten an.Sie waren die ersten, die Opfer von lebenden Tieren und von sich selbst einrichteten, doch taten sie dies nicht freiwillig, sondern unter Zwang.

Theophrast nahm die Juden also als Teil der Syrer wahr und wusste nichts über große Unterschiede zwischen ihrer religiösen Praxis.

Sollten die Juden ihre religiösen Texte tatsächlich in hellenistischer Zeit verfasst haben, könnten sie sich bei der Wahl der Form der Gesetze in zwölf Tafeln auch vom Zwölftafelgesetz der Römer inspirieren lassen haben. Diese Gesetzsammlung wurde um 450 v. Chr. in Rom erarbeitet und in Form von zwölf bronzenen Tafeln auf dem Forum Romanum ausgestellt. Wobei die Römer ihre Gesetze jedoch nicht von Jupiter erhielten. Vielmehr sollten auf Druck des Volkes die bisher vermeintlich göttlichen Gesetze durch einen moderneren Codex ersetzt werden. Dazu schickten die Römer zunächst eine Delegation aus drei Männer nach Griechenland, um die solonischen Gesetze zu studieren, die ihnen als vorbildlich galten. Dann wurden zehn patrizische Männer ausgewählt, die sogenannten decemviri, die die Gesetze schriftlich niederlegen sollten. Anschließend wurden die Zwölftafelgesetze öffentlich ausgestellt, damit das Volk sie begutachten konnte. Doch wie bei Moses zwölf Gesetzestafeln mussten auch die Römer nach einer ersten Version nachbessern.

Die Verfluchung des Ham. © gemeinfrei. Wikimedia Commons.

Bei der Bearbeitung der alten Mythen verwandelten die Autoren der Septuaginta auch Götter in Menschen. Das wird etwa am Beispiel der Geschichte von Kronos und der Kastration seines Vaters deutlich: Dieser alte Mythos liegt laut Avigdor Shinan und Yair Zakovitch der Geschichte von Ham zugrunde, der Noah in seiner Nacktheit erblickte, worauf Noah Hams Sohn Kanaan verflucht haben soll, so dass er in Zukunft seinen Brüdern dienen musste. Auf dieser biblischen Geschichte beruht der Anspruch der Juden, die Kanaaniter müssten ihnen dienen. Und später musste die selbe Textstelle dafür herhalten die Versklavung der afrikanischen Bevölkerung durch die Europäer zu rechtfertigen. Beides Ansprüche die unseren heutigen Moralvorstellungen in keiner Weise gerecht werden.

Abendmahl von Valentin de Boulogne (1591–1632). © gemeinfrei. Wikimedia Commons.

Doch Platon inspirierte nicht nur die Verfasser der Torah, sondern auch die Autoren des Neuen Testaments. Denn auch sie übernahmen Platons Idee des Guten und transformierten den gerechten, aber nicht nur gegenüber den Feinden Israels oft grausamen, nationalistisch-jüdischen Gott des alten Testaments in einen „lieben“ kosmopolitischen Gott. In seinem Staat scheint Platon den Leidensweg Jesu‘ geradezu vorweggenommen zu haben. Denn dort äußert Sokrates Gesprächspartner Glaukon die Überzeugung:

dass der Gerechte unter diesen Umständen gegeißelt, gefoltert, gebunden werden wird, dass ihm die Augen ausgebrannt werden, und dass er zuletzt nach allen Misshandlungen gekreuzigt

wird. Inzwischen fallen auch immer mehr Bibelforschern Ähnlichkeiten zwischen Jesus und Sokrates auf. Beide hinterfragten die bestehenden gesellschaftlichen Normen. Weder Sokrates noch Jesus war ein Aristokrat, wie dies sonst bei antiken Helden meist der Fall war. Beide lebten ein einfaches Leben und versuchten das Volk aufzuklären. Daher waren sie den Mächtigen ihrer Zeit ein Dorn im Auge und wurden wegen Gotteslästerung angeklagt und verurteilt. Und beide starben einen Märtyrertod für ihre Überzeugung und wurden auf diese Weise unsterblich in der Erinnerung der Menschen. Doch während Sokrates im Gefängnis von seinen Anhängern besucht wurde, mit ihnen dort weiterhin über Philosophie diskutierte, ihnen seine Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod darlegte und schließlich umgeben von seinen Anhängern den Schierlingsbecher trank verließen Jesus seine Jünger sobald es ernst wurde und bei seiner Kreuzigung waren nur noch die Frauen anwesend.

Platon sollte also Recht behalten. Gerade mit Hilfe von Mythen, von denen er auch selbst einige verfasste, wie etwa den von Atlantis, sollte sich sein Konzept des Guten über die Jahrhunderte durchsetzen. Gleichzeitig prägte seine Philosophie des transzendenten Guten über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag den europäischen Gottesbegriff. Vertreten etwa durch die christlichen Denker von Augustinus, Anselm von Canterbury über Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Im Laufe dieser Zeit verinnerlichte unsere westliche Kultur die Überzeugung, das Prinzip des Guten sei dem Bösen oder Schlechten grundsätzlich überlegen. Inzwischen ist es ein integraler Bestandteil unserer Kultur geworden, dass in den meisten unserer Märchen, Romanen und Erzählungen stets das Gute gewinnt. Ist dies einmal nicht der Fall, so sind wir als Leser enttäuscht. Dieses Konzept des Guten als oberstes Prinzip ist in unserem westlichen Denken so verankert, dass wir uns dessen kaum noch bewusst sind. Es gehört zu unseren Grundüberzeugungen. Dadurch ist es aber auch eine Quelle des Optimismus, durch den wir immer davon überzeugt sind, die Dinge zum Guten wenden zu können. Im Gegensatz zu manchen anderen Kulturen verleiht diese positive Weltsicht uns die Fähigkeit Probleme zuversichtlich anzupacken und zu lösen. Was sicher auch eines der Erfolgsgeheimnissen des Westens ist.

Selbst die ersten westlichen Naturwissenschaftler wollten die Natur als zweites Buch Gottes erforschen. So studierte etwa Charles Darwin zunächst Theologie und ergriff nur per Zufall die Chance auf große Entdeckungsfahrt zu gehen. Wobei er sich jedoch bereist zuvor sehr für Naturwissenschaften interessiert hatte. Im Laufe seiner genauen Beobachtungen der Natur kam er schließlich zu einem anderen Ergebnis, als ihm sein Glaube zunächst vorgab. Er erkannte, dass die Natur durch Variation und Selektion die gesamte Artenvielfalt hervorbringt, ganz ohne Eingreifen eines guten Gottes.

Bereits Platons Schüler Aristoteles verwarf dessen Konzept der Ideen und des absoltuten Guten als oberstem Prinzip. Er argumentierte, es könne kein oberstes absolutes Gutes geben, weil etwas nur gut in Zusammenhang mit etwas anderem sein kann. Und dieser Zusammenhang sei immer wieder etwas anderes. So ist eine gute medizinische Behandlung etwas völlig anderes, als eine gute militärische Strategie oder eine gute Ausbildung. Auch habe ein absolutes Gutes für den Menschen in seinem praktischen Leben keinen Nutzen, da es nur eine abstrakte Bedeutung habe. Wichtig sei für den Menschen nur sich in den Tugenden zu üben, um ein erfülltes Leben zu führen. Als mehr den Naturwissenschaften zugeneigter Philosoph war er eher an praktisch relevanten Themen interessiert. Doch auch die Naturwissenschaften kommen ohne einen gewissen Idealismus nicht aus. Denn wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass in der Natur rationale Gesetze wirken, die wir erkennen können wäre ein menschliches Verständnis der Welt nicht möglich. Ein Kosmos, in dem nur das Prinzip Zufall und damit Chaos herrscht, lässt sich nicht verstehen. Die Grundlage für diese Erkenntnis legte Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. der griechische Philosoph Heraklit mit seiner Vorstellung des Logos, der als rationales Prinzip den gesamten Kosmos durchwirkt und an dem der Mensch durch seinen Verstand Anteil hat.

von Ute Keck, 27. Oktober 2020

Quellen und weiterführende Literatur:

Auszug aus: Der Staat (Politeia) Sonnengleichnis

Platon: Gotteslehre, Information Philosophie

Sokrates: Denker des Abendlandes ∙ ARD-alpha

Platon: Denker des Abendlandes – ARD-alpha

Die Sophisten: Denker des Abendlandes – ARD alpha

Die Vorsokratiker – Eine Bilanz: Denker des Abendlandes – ARD alpha

Biblical Interpretation Beyond Historicity: Changing Perspectives 7. Philippe Wajdenbaum, From Plato to Moses, Genesis-Kings as a platonic epic

Thomas L. Thompson, Philippe Wajdenbaum: The Bible and Hellenism. Greek Influence on Jewish and Early Christian Literature

Philippe Wajdenbaum: Argonauts of the Desert. Structural Analysis of the Hebrew Bible

Jesus, Socrates, and the State: Political Mythology and Power Dissertation, University of Denver, USA

Jesus and Socrates

What Did Ham Do to Noah?

The Tribes of Israel modeled on the Athenian and Ideal Greek Tribes?

The Pentateuch’s Debt to Greek Laws and Constitutions — A New Look

David, an Ideal Greek Hero — and other Military Matters in Ancient Israel

Avigdor Shinan, Yair Zakovitch. From Gods to God. How the Bible Debunked, Suppressed, or Changed Ancient Myths and Legends.

Minos, Text des Dialogs

Dem Trinitätsdogma der christlichen Kirche liegen die Vorstellungen des Neoplatonikers Plotin zugrunde, laut dem der Logos aus dem Einen und der Nous aus dem Logos als seinem jeweiligen Abbild hervorgehen:

Der Trinitätsbegriff bei Augustinus vor dem Hintergrund der Entwicklung des Trinitätsdogmas

Kommentare sind geschlossen.