Wie sich die Verbreitung von Ungerechtigkeit stoppen lässt

Pieter Bruegel der Ältere. Zorn. © gemeinfrei.

Die sieben Laster, Ira (Zorn) © Pieter Bruegel der Ältere. gemeinfrei.

Wer sich unfair behandelt fühlt, richtet seine Wut meist nicht nur gegen den Verursacher. Häufig reagieren Betroffene ihre Aggressionen auch bei unbeteiligten Dritten ab, die sich dann ihrerseits genauso verhalten. Doch wie lässt sich diese unselige Kette von unfairem Gehabe durchbrechen? Wie ein Forscherteam nun herausgefunden hat, hilft eine Beschwerdenachricht an den Aggressor am besten dabei, die aufgewühlten Emotionen wieder in den Griff zu bekommen und die Situation neu zu bewerten.

“Wie du mir so ich dir!” – Verhält sich der Chef im Berufsleben unfair, verspielt er schnell die Loyalität seiner Mitarbeiter. Doch damit nicht genug: Staucht der Boss einen Untergebenen ohne vernünftigen Grund zusammen, richtet dieser seine Wut meist nicht nur gegen seinen Vorgesetzten. Sondern er reagiert typischerweise auch, indem er seine Kollegen mutwillig maßregelt. „In solchen Fällen von unfairem Verhalten schießen die Emotionen hoch. Auch unbeteiligte Dritte werden häufig in die Kette der Ungerechtigkeiten mit einbezogen“, sagt Bernd Weber vom Center for Economics and Neuroscience (CENs) der Universität Bonn.

Wissenschaftler nennen dieses Phänomen „generalisierte negative Reziprozität“. Demnach zahlen sich die beteiligten Parteien ihr unfaires Verhalten mit gleicher Münze heim. „Generalisiert“ bedeutet dabei, dass sich der Konflikt auch auf Unbeteiligte ausweitet. Ein Team um Weber konnte nun diese Mechanismen in einem Experiment bestätigen und einen Ausweg aus dieser unglücklichen Verkettung vorschlagen.

„Diktatorspiel“ verbreitet Wut

Insgesamt 237 Probanden nahmen im BonnEconLab der Universität Bonn an einem sogenannten „Diktatorspiel“ teil. Ein Teil der Mitspieler schlüpfte in die Rolle der Diktatoren: Diese konnten darüber bestimmen, ob sie einen bestimmten Geldbetrag – zum Beispiel 25 Euro – fair mit einem weiteren Teilnehmer teilten oder sich den größten Batzen selbst zuschanzten und nur einen kleinen Rest weitergaben.

Von den insgesamt 24 Diktatoren wählten 83 Prozent die unfaire Verteilvariante: Sie behielten das meiste Geld für sich. Die Mitspieler konnten nichts dagegen unternehmen und mussten sich in ihr Schicksal fügen. Das wirkte sich negativ auf deren Stimmung aus, die sich im Laufe des Experiments deutlich verschlechterte. Mit drastischen Folgen: Denn diese emotionale Aufgeladenheit verleitete die Betroffenen dazu sich ihrerseits unfair gegenüber Dritten zu verhalten. Diese Art des Handelns diente ihnen als Ventil ihrer negative Emotionen.

Beschwerde-Mails bringen überschäumende Emotionen zur Abkühlung

Als nächstes untersuchten die Forscher, wie sich diese Verkettung von Ungerechtigkeiten durchbrechen lässt. Mit einem Teil der Probanden wurden drei verschiedene Möglichkeiten durchgespielt. Erstens: Eine Zwangspause von drei Minuten sollte für eine emotionale Distanzierung sorgen. Zweitens: Indem die Teilnehmer ein abstraktes, neutrales Bild beschreiben mussten, sollten sie sich ablenken. Drittens: In einer E-Mail durften sich die Betroffenen über ihre unfaire Behandlung beim „Diktator“ beschweren.

Die schriftliche Beschwerde schnitt bei der Bewältigung der negativen Emotionen am besten ab. Dabei war unwesentlich, ob die E-Mail den Diktator überhaupt erreichte. Durch das Schrieben der E-Mail beruhigten sich die Emotionen der Probanden deutlich und sie verhielten sich anschließend fairer gegenüber Dritten. Diese schriftliche Form der Auseinandersetzung scheint daher geeignet zu sein, die Kette der Ungerechtigkeiten durch ein Abkühlen der emotionalen Aufladung zu stoppen.

Ausweg aus der Verkettung negativer Gefühle

Wenn die Wut durch unfaire Behandlung hochschießt, braucht es ein geeignetes Ventil für negative Gefühle. „Sind die heftigsten Emotionen abgeklungen, setzt bei den Betroffenen meist eine vernunftorientierte Neubewertung der Situation ein“, sagt Weber. Das versetzt die Beteiligten dazu in die Lage, die Wut über Ungerechtigkeiten nicht direkt an unbeteiligte Dritte weiterzugeben. Solche Strategien seien gerade auch für das Berufsleben wichtig.

Universität Bonn, 29.02.2016

Originalpublikation:

Generalized Negative Reciprocity in the Dictator Game – How to Interrupt the Chain of Unfairness, Fachjournal “Scientific Reports”, doi:10.1038/srep22316

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