Meister der kulturellen Synthese: Das arabische Reich

Die arabischen Eroberung der Gebiete des oströmischen Reiches, sowie des persischen Sassanidenreiches leiteten das Ende der Antike ein. Sie stellen einen Wendepunkt in der Geschichte dar, der nicht nur die Kulturen des Mittelmeerraumes nachhaltig veränderte. Doch wie gelang es den nomadischen Arabern binnen kurzer Zeit ein solch gewaltiges Reich nicht nur zu erobern sondern auch zu halten? Ein Schlüssel zur Antwort auf diese Frage liegt in der Fähigkeit der arabischen Nomadenstämme begründet, die eroberten Kulturen nicht nur zu respektieren, sondern sich ihr Wissen anzueignen und darauf aufbauend eine eigene weltoffene Kultur zu schaffen.

Einer der Vulkane, die die spätantike kleine Eiszeit einleiteten, könnte der Karaktau gewesen sein. © flydime. CC BY 2.0. Wikimedia Commons.

Wie bereits die Perser im 6. Jahrhundert v. Chr. bei der Eroberung ihres gewaltigen Reiches, wurde auch der Siegeszug der Araber im 7. Jahrhundert n. Chr. sowohl von klimatischen Einschnitten als auch durch die Schwäche der damaligen Großmächte begünstigt. So ging denn der Niedergang der Antike mit massiven klimatischen Veränderungen einher. Eingeleitet wurden sie durch den Ausbruch von gleich drei Vulkanen innerhalb von nur zwölf Jahren. Die erste dieser gewaltigen Detonationen erfolgte vermutlich 536 n. Chr. im hohen Norden, in Island. 540 folgte der nächste Vulkanausbruch in der Nähe des Äquators. Kandidaten hierfür sind der Rabaul in Papua Neuguinea, der Ilopango in El Salvador und der zwischen Sumatra und Java liegende Krakatau. Im Jahre 547 n. Chr. kam es schließlich zu einer dritten Eruption, deren Lage jedoch noch nicht klar ist.

Wie die oströmischen Geschichtsschreiber Prokopios und Flavius Cassiodorus, berichten, war das  Jahr 536 ungewöhnlich kalt und es kam in der Folge zu Missernten. Damals sei die Sonne so stark verhüllt gewesen, dass sie selbst mittags nur einen matten Schatten warf. Prokopios hielt diese, vermutlich durch Staubpartikel und Aerosole hervorgerufene Verdunkelung der Sonne für eine Sonnenfinsternis, die fast ein Jahr andauerte. Da man damals noch nicht wusste, wie eine Sonnenfinsternis zustande kommt, hielt man sie für ein schlechtes Omen. So schrieb Prokopios:

„Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei. Außerdem war ihr Licht nicht rein und so wie gewöhnlich. Seitdem aber das Zeichen zu sehen war, hörten weder Krieg noch Seuchen noch sonst ein Übel auf, das den Menschen den Tod bringt.“

Die Pest breitete sich seit 541 v. Chr. immer wieder aus und dezimierte 30% bis 50% der Bevölkerung. Gemälde von Arnold Böcklin (1827–1901). © public domain.

Diese Ereignisse leiteten die kleine Spätantike Eiszeit ein, die von 536 bis 660 n. Chr.an dauern sollte. Und Prokopios Beschreibungen des damaligen Zeitgeschehens sind authentisch. Es dauerte nur wenige Jahre, bis sich unter der vermutlich durch Hungersnöte geschwächten Bevölkerung in den Jahren 541–544 n. Chr. erstmals die Justinianische Pest ausbreitete. Die Seuche sollte die Menschen in den folgenden Jahrzehnten immer wieder heimsuchen und die Bevölkerung um 30 bis 50% dezimieren.

Doch es gab auch eine Region, die von dem Klimawandel profitierte: die arabische Halbinsel. Das Absinken der Temperatur führte dort zu mehr Niederschlägen. Der ungewöhnlich gut bewässerte Wüstenboden ließ reichlich Futter für die Tiere der dort heimischen Nomaden gedeihen. Sie konnten in dieser Zeit ihre Viehherden massiv vergrößern. Mehr Kamele bedeuteten für die Araber jedoch nicht nur eine gesteigerte Transportkapazität für den Handel, sondern auch mehr Reittiere für Raubzüge. Gleichzeitig dürfte sich auch die arabische Bevölkerung unter diesen optimalen Bedingungen deutlich vermehrt haben.

Beduinenfamilie. © Tanenhaus. CC BY 2.0. Wikimedia Commons.

Während die arabischen Stämme prosperierten, waren die beiden Großmächte der Region, das oströmische Byzanz und das persische Sassanidenreich mit nicht enden wollenden kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigt. Bis zu Beginn der arabischen Eroberungen im Jahre 634 n. Chr. hatte es in rund hundert Jahren zwischen den beiden Weltmächten gerade einmal 20 Jahre Frieden gegeben. Aus dem letzten persisch-römischen Krieg im Jahre 630 war keine der beiden Parteien als Sieger hervorgegangen. Sie einigten sich vielmehr auf einen status quo ante bellum der Grenzen von 603.

Byzantinisches Reich. © Various – Derivative work: Roke~commonswiki. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

Zurück blieben zwei zutiefst geschwächte und innerlich gespaltene Reiche. Byzanz war aufgrund seiner intoleranten Religionspolitik uneins. Glaubte es doch nichts wichtigeres zu tun zu haben, als sich über religiöse Spitzfindigkeiten zu streiten. Die orientalischen Provinzen, die erst seit kurzem durch Kaiser Justinian wieder in das Reich zurück geholt worden waren, hingen mehrheitlich dem Miaphysitismus an. Sie glaubten daran, dass Jesus nach seiner Auferstehung durch die Vereinigung seiner menschlichen Natur mit dem Göttlichen nur eine einzige, göttliche Natur habe. Während die orthodoxen Byzantiner davon überzeugt waren, dass Jesus sowohl wahrer Mensch, als auch wahrer Gott sei. Eine Abkehr von der offiziellen geistlichen Lehre verfolgten die byzantinischen Kaiser schnell mit weltlicher Gewalt. So war denn auch die Machtzentrale in Konstantinopel bei den orientalischen Provinzen Syrien und Ägypten nicht sonderlich beliebt. Das persische Sassanidenreich wiederum, war wegen des seit 628 n. Chr. tobenden Bürgerkrieges massiv geschwächt.

Persisches Sassanidenreich. Dunkelgrün: zu Ende seiner Zeit. Hellgrün: maximale Ausdehnung. © public domain.

Ähnlich, wie die germanischen Stämme, die das weströmische Reich seit mehreren Jahrhunderten von Norden her bedrängten und es schließlich zu Fall brachten, bestand auch die damalige arabische Kultur aus einzelnen Stämmen. Hier wie dort beruhte der Zusammenhalt auf verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb eines Stammes, wechselnden Loyalitäten zwischen einzelnen Stämmen und der Verbundenheit von Menschen, die am selben Ort wohnten. Oft kam es sowohl innerhalb als auch zwischen den einzelnen Stämmen zu Fehden, bei denen es meist um Wasserrechte und Territorien ging. Diese Fehden verliefen bei den Arabern, möglicherweise wegen der in der Wüste knapperen Ressourcen häufiger blutig, als bei den germanischen Stämmen, bei denen es das sogenannte wergelt gab. Dieses Sühnegeld musste der Schuldige im germanischen Recht nach einem Totschlag als Entschädigung an die Hinterbliebenen zahlen, um der Blutrache zu entgehen. Bei den Arabern gab es das Prinzip des wergelts jedoch nicht.

© Nickfraser. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

Wie bei den germanischen Stämmen verfügte auch der Stammesführer bei den Arabern nur über begrenzte Macht. Seinen Anweisungen wurde nicht bedingungslos Folge geleistet. Er hing vielmehr von seinen mächtigsten Untergebenen ab, die ihn jederzeit stürzen konnten. Bei den Germanen war der König, laut dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus, ein Kriegsführer. Während der Scheich bei den Arabern ein Schlichter und Vermittler bei Konflikten war. Germanen, wie Araber hatten eine Gesellschaft, in der die Ehre und Männlichkeit einen hohen Stellenwert einnahmen. Während die Germanen von Ackerbau und Viehzucht lebten, betrieben viele der arabischen Stämme nur Viehzucht und ergänzten ihren Lebensunterhalt durch sogenannte Razzien, Raubzüge gegenüber sesshaften Kulturen. Doch auch die germanischen Könige, wie etwa die Merowinger, finanzierten sich in erster Linie durch Raubzüge gegen ihre Nachbarn. Und im Laufe der Antike waren auch einige arabische Stämme, wie etwa die Nabatäer, sesshaft geworden und betrieben nicht nur Viehzucht, sondern auch Ackerbau und Handel. Viele von ihnen waren zum christlichen oder jüdischen Glauben übergetreten. So waren etwa die Nabatäer und der größte arabische Stamm der Banu Hanifa christlich. Die Einwohner des jemenitischen Königreiches Himyar hatten bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. mit dem Rahmanismus eine nicht genauer definierte monotheistische Religion angenommen. Wobei Rahman  „der Barmherzige“  heißt. Er wurde auch in Inschriften dieser Zeit als „Herr von Himmel und Erde“ gepriesen. Später gab es im Königreich Himyar sowohl Christen, als auch Juden. Auch die Lachmiden, die jahrhundertelang ein einflussreiches arabisches Königreich beherrschten, dessen Hauptstadt Hira am unteren Euphrat lag, waren zumindest teilweise nestorianische Christen. Sie waren lange Verbündete der Perser und bildeten einen Puffer gegen das Eindringen arabischer Stämme nach Persien. Und die Ghassaniden, die aus dem Jemen ins syrische Grenzgebiet eingewandert waren, kämpften viele Jahre auf der Seite Ostroms und bekannten sich zum monophysitischen Christentum. Die jemenitische Oase Nadschran war eine christliche Hochburg und sogar im vorislamischen Medina, damals noch Yathrib genannt, soll es drei einflussreiche jüdische Stämme gegeben haben: die Banū Quraiza, die Banū Qainuqāʿ und die Banū n-Nadīr.

Die arabischen Eroberungen begannen vermutlich als Razzien, also Raubzüge. Dabei zogen sie aus und versuchten dort Beute zu machen, wo ihnen möglichst wenig Widerstand entgegengebracht wurde. War eine Stadt zu stark bewacht, konnten sie sich einfach schnell wieder in die Wüste zurückziehen, und auf eine bessere Gelegenheit warten, ähnlich, wie es die räuberischen Wikinger im Mittelalter taten, die vom Meer aus die Flüsse aufwärts zogen und oft genauso schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren. Als die Araber erstaunt feststellen, dass sie in den Städten des byzantinischen Reiches und der persischen Sassaniden kaum auf Gegenwehr stießen, beschlossen sie, ihre Eroberungen auszuweiten.

Auch dürften die Araber von den militärischen Erfahrungen der Lachmiden und Ghassaniden profitiert haben, die über Jahrhunderte hinweg auf Seiten der Perser bzw. der Oströmer gekämpft hatten und sich in den Wirren der zerfallenden spätantiken Großmächte zumindest teilweise auf die Seite der arabischen Eroberer schlugen.

Islamische Expansion bsi 750 n. Chr. © public domain.

Auf diese Weise gelang es den Arabern binnen weniger Jahrzehnte ein riesiges Reich zu erobern, das zunächst die orientalischen Gebiete von Byzanz und des ehemaligen Sassanidenreiches umfasste. Auch Alexander dem Großen war es schließlich um 330 v. Chr. innerhalb von nur wenigen Jahren gelungen, ein ähnlich großes Reich unter seine Herrschaft zu bringen, indem er das antike Perserreich einnahm.

Wie bereits die Perser nach ihren umfangreichen Eroberungen in der Antike, verhielten sich auch die Araber als neue Herren den eroberten Völkern gegenüber zunächst tolerant. Waren sie doch für die Ausübung ihrer Herrschaft auf die Verwaltungsstrukturen der alten Kulturen angewiesen. Zumal sie in den eroberten Gebieten nur eine kleine Minderheit bildeten. Für die Mehrheit der Bevölkerung blieb erst einmal alles beim Alten und sie konnten wie gewohnt ihrer Arbeit nachgehen. Die neue, kleine Elite der arabischen Eroberer erlaubte der alten antiken Elite zunächst ihre politische, religiöse und finanzielle Macht weiter auszuüben, indem sie die Steuern der Bauern, Arbeiter und Kaufleute eintrieb. Allerdings erhöhten die neuen Machthaber die zu entrichtenden Steuern deutlich: So stieg etwa der Steuersatz auf jedes Weizenfeld um das Vierfache und der auf jedes Gerstenfeld auf das Doppelte, im Vergleich zu den bisherigen Steuern im persischen Sassanidenreich. Sowohl die alten, als auch die neuen arabischen Eliten waren dagegen von Steuern befreit. Amtssprachen blieben weiterhin Griechisch in den ehemalig oströmischen Gebieten und Persisch in den persischen Gebieten. Dabei wurden die griechischsprachigen Gebiete von Damaskus aus verwaltet und die persischsprachigen von der neu gegründeten Granisonsstadt Kufa aus. Auch beim Münzwesen gab es zunächst keine Neuerungen. In den ehemals byzantinischen Gebieten wurden weiterhin die oströmischen Münzen geprägt und verwendet und in den persischen, die sassanidischen.

In den folgenden Jahrzehnten tobte unter den Arabern ein erbitterter, meist blutig ausgetragener Kampf um die Vormachtstellung. Kalifen, die politisch-religiösen Führer der Araber, wurden ermordet, es gab Gegenkalifen und Bürgerkriege. Aus diesen endlosen Kämpfen gingen schließlich die Umayyaden siegreich hervor, ein Familienclan des arabischen Stammes der Quraisch aus Mekka. Sie legitimierten ihre Herrschaft mit ihrer engen verwandtschaftlichen Beziehung zu dem Propheten Mohammed, dem Begründer ihrer neuen Religion, dem Islam. Die Umayyaden schafften die Wahl des Kalifen ab und ersetzten sie durch eine Erbmonarchie. Das Gebot für jeden Muslim, nach Mekka zu pilgern sicherte ihrem Clan eine gleichmäßig sprudelnde Einnahmequelle.

Erster Golddinar von Abd al Malik. © PHGCOM. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

Mit Abd al-Malik kam 685 n. Chr. zum ersten Mal ein Kalif an die Macht, der den eroberten Gebieten einen arabischen Stempel aufprägte. Doch musste auch er sich zunächst gegen seine eigenen arabischen Widersacher durchsetzen. Zudem tobten in den ersten Jahren seiner Regierung mehrere Pestepidemien (685–686 und 688–690) in deren Folge es 686/7 zu einer Hungersnot kam. Darüber hinaus musste er auch Angriffen von Byzanz abwehren, das versuchte Syrien wieder in seine Macht zu bringen. Dem drohenden Auseinanderbrechen des arabischen Reiches versuchte er durch ideologische und politische Reformen entgegenzuwirken. Er zentralisierte das Verwaltungssystem und besetzte alle Führungsposten mit Angehörigen seiner Familie. 693 n. Chr. ersetzte er die byzantinischen Golddinare durch seine eigenen, auf denen er selbst abgebildet war. Doch bereits wenige Jahre später 698/99 brachte er Münzen in Umlauf, auf denen nur noch arabische Schrift eingeprägt war.

Golddinare, die Abd al-Malik um 798/799 prägen ließ. © public domain.

Damit Abd al-Malik immer gut darüber informiert war, was sich in seinem Reich abspielte, entwickelte er ein Post- und Informationssystem, das Barid genannt wurde. Das Postsystem basierte auf den byzantinischen und sassanidischen Vorläufern. Dieses Systeme verpflichtete die Bevölkerung, die an Handelsstraßen wohnte, dazu, das Gepäck von Soldaten und Staatsbediensteten zu transportieren. Bereits im ptolemäischen Ägypten mussten die Bewohner dem Staat sogar Lasttiere zur Verfügung stellen.

Um das Jahr 700 n. Chr. führte Abd al-Malik das Arabische als Amtssprache ein. Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich das Arabische als einzige Amtssprache durchsetzen konnte. Bis ins frühe 8. Jahrhundert wurden offizielle Dokumente immer noch zweisprachig abgefasst, auf Griechisch und Arabisch.

Felsendom. © Andrew Shiva. CC BY-SA 4.0. Wikimedia Commons.

Abd al-Malik ließ auch das älteste archäologisch-bestätigte muslimische Bauwerk errichten: Den Felsendom. Er wurde nach dem Vorbild der achteckigen byzantinischen Kirchen der damaligen Zeit erbaut. Wie etwa der Kirche Kathisma, übersetzt Stuhl der Maria, einem byzantinischen Bauwerk aus dem 5. Jahrhundert auf dem Weg von Bethlehem nach Jerusalem. Das Achteck gilt als Symbol der Vollkommenheit. Der Felsendom wurde auf dem alten jüdischen Tempelberg errichtet, der den Juden als heiligste Stätte gilt. Doch bereits die Römer hatten auf die religiösen Vorstellungen der Juden keine Rücksicht genommen, als sie unter Hadrian nach dem Bar-Kochba-Aufstand im Jahre 135 n. Chr auf dem Tempelberg ein römisches Kapitol bauten, das der römischen Göttertrias Jupiter Optimus Maximus, Juno Regina und Minerva geweiht war.

Von der Regierungszeit von Abd al-Malik bis ins 15. Jahrhundert umrundeten die Gläubigen den Felsendom genauso, wie sie dies heute bei der Kaaba in Mekka tun. Und auch das Opferfest zum Abschluss der Wallfahrtszeremonien, feierten die Muslime der Region damals am Felsendom.

Portal der Umayyaden-Moschee. © kazuki_shimomura. CC BY 2.0.

Der Sohn und Nachfolger von Abd Al-Malik al-Walid ließ die Johannes dem Täufer geweihte Basilika von Damaskus zwischen den Jahren 708 und 715 n. Chr. in eine Moschee umbauen. Diese Art der Umwidmung alter heiliger Stätten ist jedoch keineswegs typisch muslimisch, taten doch ihre Vorgänger bereits das Gleiche. Denn schon die Römer ersetzten den dort stehenden Hadad-Tempel, den die Phönizier ihrem obersten Gott errichtet hatten, durch einen ihrem höchsten Gott Jupiter geweihten Tempel, der wiederum im späten 4. Jahrhundert n. Chr. durch die christliche Basilika ausgetauscht wurde. Die gesamten Außenmauern der Moschee stammen noch von der Basilika. Auf der Außenseite der Südmauer finden sich neben griechischen Ornamenten auch noch griechische Inschriften und in einigen Metern Höhe gibt es ein antikes Relief mit ausgekratztem Gesicht. Die Moschee vereint römische und griechische Bauelemente in einer ganz neuen Form zu einem einzigartigen, fortan für die Muslime typischen Baustil.

Westseite des Innenhofes der Umayyaden-Moschee. © Ulrich Waack. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

Das heute Umayyaden-Moschee genannte Bauwerk ist eine der ältesten Moscheen der Welt und diente als Modell für andere Moscheen, deren Stil sich von den byzantinischen Basiliken inspirieren ließ. Die Moschee schmücken farbige Mosaiken, die byzantinische Baumeister erschufen. In der weitläufigen Gebetshalle befindet sich ein Schrein, in dem das Haupt von Johannes dem Täufer ruhen soll. Er wird sowohl von Muslimen, wie von Christen verehrt.

Schrein von Johannes dem Täufer in der Umayyaden-Moschee. Johannes der Täufer wird von Muslimen, wie Christen verehrt. © public domain.

Das „Jesusminarett“, bzw Minarett von Isa. Bei den Muslimen heißt Jesus, Isa ibn Maryam; Jesus, Sohn der Maria. Er gilt als im Besitz von klaren Beweisen (bayyināt) und der Weisheit (ḥikma). © Bernard Gagnon. CC BY-SA 3.0. Wikimedia Commons.

Die Moschee verfügt über vier Tore und drei in späterer Zeit errichtete Minarette, die jeweils verschiedene Baustile aufwiesen. Das Ostminarett ist das sogenannte „Jesusminarett“. Viele sunnitische Muslime glauben, am Ende der Welt werde Jesus über dieses Minarett vom Himmel herab steigen, um mit dem Antichristen zu kämpfen und für Gerechtigkeit zu sorgen.

In den folgenden Jahrzehnten setzte sich die arabische Sprache und der muslimische Glaube immer mehr in den eroberten Gebieten durch. Ein erheblicher Anreiz hierfür dürfte auch die steuerliche Begünstigung von Muslimen gewesen sein. Sie mussten keine Schutzsteuer, die Dschizya zahlen, die Andersgläubige, wie Juden, Christen, Zoroastrier und Sabäer entrichten mussten, wenn sie keinen Militärdienst leisten wollten. Die Almosensteuer (Zakat) und die Fünftelabgabe (Chums), die Muslime zahlen müssen, blieb den Andersgläubigen dagegen erspart. Doch bis heute sind 10% der Bevölkerung von Syrien und Ägypten immer noch Christen.

Der Koran vereinte viele damals weit verbreitete Glaubensvorstellungen miteinander, wie das arabisch, monotheistische Hanifentum, sowie jüdische und christliche Elemente. Doch diese den damaligen Zeitgenossen bekannten religiösen Vorstellungen erhielten im Kontext des Koran eine andere Bedeutung. Dieses Phänomen des Bedeutungswandels ist nichts Neues. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Frühjahrsfest und seine Bedeutung in Mesopotamien, Kanaan sowie im Judentum, Christentum und Islam.

In Mesopotamien hatte das Frühjahrsfest anlässlich des Gerstenschneidens, das sogenannte Akitu-Fest, eine zentrale, religiöse Bedeutung. Der Schöpfungsmythos wurde rezitiert und der Bund des Herrschers mit dem obersten Gott erneuert. Es diente zugleich der Legitimation des Priesterkönigs, sowie der Sicherung einer guten Ernte.

Bei den Kanaanitern, aus denen die Israeliten später hervorgingen, wurden für dieses Fest die erstgeborenen Lämmer geschlachtet und von der ersten, frisch gesprossenen Gerste ein Brot gebacken, das nicht mehr vergären durfte. Nur so konnte es möglichst schnell dem Gott geopfert werden, um  seine Gunst für den Rest der Ernte zu sichern. Um Wüstendämonen aus der Behausung fernzuhalten bestrichen die Nomaden ihre Türen mit dem Blut der geschlachteten Tiere.

Jüdisches Sedermahl, das an den Auszug aus Ägypten erinnern soll. Es werden unter anderem ungesäuertes Brot, Wein und Lamm gereicht. © public domain.

Die Israeliten gaben dem bei ihnen Pessachfest genannten Frühjahrsfest eine völlig neue Bedeutung. Sie danken bei diesem Fest Gott dafür, dass er sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit und ins gelobte Land geführt hat. Denn die Juden sind davon überzeugt, dass Gott zu ihren Gunsten in die Geschichte eingreift, sofern sie sich an seine Gesetze halten. Dieses Motiv zieht sich durch die gesamte hebräische Bibel, bzw unser Altes Testament.

Bei dem Sedermahl wird das Backen und Essen ungesäuerten Brotes mit dem eiligen Aufbruch beim Auszug aus Ägypten erklärt. Das Bestreichen der Türen mit dem Blut der Lämmer markierte die jüdischen Häuser, die der Todesengel bei Gottes Bestrafung der Ägypter ausließ. Daher der Name des Festes, pésach für vorüberschreiten oder überspringen. Der gemeinsame restlose Verzehr des geopferten Tieres erinnert an die Stärkung des Volkes Israel vor dem Aufbruch in die Wüste.

Trotz dieser neuen Bedeutung, die das Pessachfest erhalten hatte, war der Beginn des Monats Nisan, in dem das Fest im alten Israel gefeiert wurde, von der Gerstenreifung abhängig. Falls die Gerste noch nicht reif war, wurde ein Zwischenmonat eingefügt. Damit hatte es sich dennoch seinen klaren Charakter als Frühjahrsfest bewahrt.

Auch das christliche Abendmahl gab dem ursprünglich jüdischen Sedermahl eine völlig neue Bedeutung. © public domain.

In den christlichen Evangelien erhielt der jüdische Sederabend wieder eine neue Bedeutung. Ursprünglich war Jesus als gläubiger Jude zum Pessachfest nach Jerusalem gekommen, um das Sedermahl mit seinen Jüngern in Jerusalem zu begehen. Doch laut den Evangelien gab Jesus diesem Mahl einen neuen Sinn. Die Christen glauben er habe sich selbst für die Sünden seiner Anhänger geopfert. Dabei steht das Brot für sein Fleisch und der Wein für sein Blut, das bei seinem Tod vergossen wurde. Hierauf gründet die christliche Kirche das zentrale Sakrament der Eucharistie.

Persische Miniatur von Jesus bei der Bergpredigt. © public domain.

Im Koran heißt Jesus Isa ibn Maryam, Jesus, Sohn der Maria. Laut muslimischer Überlieferung ist Jesus im Besitz von klaren Beweisen (bayyināt) über die Allmacht Gottes und der Weisheit (ḥikma). Einer dieser Beweise wird beim Mahl Jesu‘ mit seinen Jüngern geliefert. Wobei die Jünger eine kleine Gruppe treuer Anhänger darstellen, wie sie für einen Propheten typisch sind. Denn einem Propheten folgt stets nur eine kleine Zahl von Anhängern, während die große Mehrheit des Volkes seiner Botschaft misstraut. Die Jünger fordern von Jesus ein Zeichen. Er soll Gott bitten ihnen einen Tisch vom Himmel herab zu schicken. Jesus erbittet dieses Zeichen mit folgenden Worten:

‚Gott, unser Herr! Sende uns einen Tisch vom Himmel herab, so dass es ein Festtag für uns alle ist – für den ersten wie für den letzten – als auch ein Zeichen von Dir. Und ernähre uns, denn du bist doch der beste Ernährer!“

Daraufhin antwortet Gott:

‚Ich sende es euch hinab. Wer danach noch ungläubig ist, den werde ich so qualvoll bestrafen wie sonst noch keinen.‘“

So wandelten sich die religiösen Überzeugungen im Laufe der Geschichte.

Als die Umayyaden an die Macht kamen besetzten sie viele wichtige Posten im Staat nur noch mit arabischen Muslimen, was zu Unmut bei den kovertierten Nicht-Arabern, den mawālī führte. Gleichzeitig missfiel dem Volk die Prunksucht der neuen Kalifen. Deshalb kam es in den nächsten Jahrzehnten zu einer Propaganda gegen die Umayyaden, die schließlich 750 n. Chr. von den fortan in Persien regierenden Abbasiden abgelöst wurden. Unter diesem Herrschergeschlecht sollte es zu einer kulturellen und wissenschaftlichen Blütezeit des islamischen Reiches kommen.

von Ute Keck, 11. März 2019

 

Quellen:

Drei Vulkane beendeten die Antike

Why 536 was ‘the worst year to be alive’

The Early Middle Ages, 284–1000: Mohammed and the Arab Conquests (Open Yale Courses)

The Early Middle Ages, 284–1000: Islamic Conquests and Civil War (Open Yale Courses)

The Early Middle Ages, 284–1000 Lecture 10 – Clovis and the Franks (Open Yale Courses)

Introduction to the Old Testament (Hebrew Bible)Lecture 8 – Exodus: From Egypt to Sinai (Exodus 5-24, 32; Numbers)

Deutschlandfunk Kultur: Koran erklärt

In Damaskus erregt ein Kreuz keinen Anstoß

What Is the Koran?

Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels

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